Johann Sebastian Bach
Die musikalische Bibliothek
Im Nachlassverzeichnis von Johann Sebastian Bach findet sich vielerlei Vermutetes und Unvermutetes. So benennt es keinerlei Musikalien, stattdessen Tafelsilber, Zinn-, Kupfer und Messinggeschirr, Kleidung und Mobiliar. Bach selbst hat einigen Hinweisen zufolge noch vor seinem Tod die Erben seiner Instrumente bestimmt, dasselbe ist für die Musikalien nur anzunehmen. Im Nachlass Carl Philip Emanuel Bachs finden sich allerdings einige Werke des Vaters. Die anderen Söhne und Verwandten sahen sich offenbar aus wirtschaftlichen Notsituationen heraus gezwungen, ererbte Noten weiter zu verkaufen.
Das Interesse an einer Bibliothek des Meisters, sollte sich diese auch nur virtuell rekonstruieren lassen, speist sich aus dem Interesse an den musikalischen Sphären, in denen sich Bach zu unterschiedlichen Zeiten seines Lebens bewegte. Welche Musik interessierte den 15jährigen Bach in Lüneburg, was beschäftigte den Thomaskantor in Leipzig am Ende seines Lebens? Welche Spuren musikalischer Lektüre finden sich in Bachs eigenen Kompositionen?
Hinweise können öffentliche Bibliotheken geben, die Bach beispielsweise in Weimar oder Leipzig zugänglich waren. Die Geschichte aber lässt diesen Zugriff nur bedingt zu: Das Rote Schloss zu Weimar brannte 1774 mitsamt seiner Bibliothek vollständig nieder.
Den lückenhaften Spuren dieses geistigen Kosmos nachzugehen, um ein möglichst vollständiges Netz aus musikalischen Bezügen aufzuzeigen, ist das Anliegen unserer Konzertreihe. Dabei steht im Vordergrund, die Ergebnisse dieser Spurensuche musikalisch zum Leben zu erwecken, um so Rückschlüsse von Bachs Werk auf die ihn umgebende Musik zu ermöglichen. Wir begeben uns auf eine detektivische Reise zu den verschiedenen Wirkungsstätten Bachs.
Bachs großes Interesse an musikalischer und theologischer Literatur ist biographisch gut dokumentiert. Im Gegensatz zu seiner theologischen Bibliothek wissen wir von den konkreten Inhalten der musikalischen jedoch fast nichts. Die Bibliothek steht in unseren Konzerten also für eine geistige Bibliothek. Und dies im wörtlichen Sinne: Immer wieder befasste sich Bach durch Abschreiben – bzw. Transkribieren z.B. der Konzerte Vivaldis für Tasteninstrumente, mit Komponisten, Gattungen und Nationalstilen. Die äußerliche, materielle Bibliothek wird zu einer verinnerlichten.
Hier wird diese wissenschaftliche Auseinandersetzung für uns interessant – wir können hörend nachvollziehen, was J.S.Bach in bestimmten Lebensstationen nachvollzogen hat.