Rezensionen

Orgelrenovierungsprojekt

Aktuell

Archiv


Die Gründungsmitglieder des Vereins OReP: Professor Jon Laukvik (1. Vorsitzender), Jörg Halubek, Rose von Stein (Schatzmeisterin), Dr. Manfred Sohn (2. Vorsitzender), Professor Helmut Wolf, Peter Metzler, Dr. Wolfgang Bentele u.a. Foto:jh

Stuttgarter Wochenblatt – 25. Sept. 2003

Orgelreise zurück
in die Romantik

Neu gegründeter Verein will Gaisburger Kirchenorgel den ursprünglichen Klang wiedergeben – Orgelrenovierungsprojekt soll durch Spenden und Benefizkonzerte finanziert werden

Gaisburg. Sie ist schon etwas besonderes, die „Akropolis von Gaisburg“. Will heißen: die evangelische Kirche in der Faberstraße. Als eleganter Kontrapunkt zur Industriearchitektur rund um den Gaskessel thront sie stolz und weithin sichtbar über dem Stadtteil – dabei zeigen sich die wahren Schätze erst im Inneren.

Architektur und Wandgemälde sind als Einheit geschaffen worden, das wurde schon im vergangenen Jahr durch die Käte-Schaller Härlin-Ausstellung deutlich. Seit der Vollendung im Jahr 1913 scheint allerdings in Vergessenheit geraten zu sein, dass auch die Orgel ein elementarer Bestandteil des Gesamtkunstwerks ist. Sehr selten, wenn nicht sogar einzigartig noch dazu: Der dreiteilige Aufbau ist eine Rarität, die Technik ein Meisterwerk ihrer Zeit.

Nach dem Willen des neu gegründeten Vereins „Orgelrenovierungsprojekt“ (OReP) soll das Instrument nun allerdings wieder den ihm gebührenden Respekt erhalten: Die Mitglieder haben sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, das Musikinstrument wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen.

Keine leichte und vor allem keine billige Aufgabe, denn groß angelegte Umbaumaßnahmen in den 70er und 80er Jahren haben nicht nur die räumliche Anordnung der Orgelteile verändert sondern vor allem massiv in die Klangsubstanz eingegriffen.

Kantor Jörg Halubek erklärt: „Eigentlich ist die Gaisburger Orgel ein Kind der Romantik, das bedeutet warme, satte und volle Klänge. Zur Zeit des Umbaus ging der Trend aber eher zum Barock, also schmale, prägnante und schärfere Klangfarben.“

Da die Orgel störanfällig geworden war, musste damals ein Eingriff vorgenommen werden und in diesem Zug änderte man auch den „Sound“ im Geiste der Zeit. Allerdings nicht komplett und so zeigt sich heute ein recht uneinheitliches Klangbild – ein rundes Haus mit eckigem Dach sozusagen.

Für Gastorganisten birgt das gewisse Tücken: Man muss sich schon gut mit dem Instrument auskennen, um Missklänge zu vermeiden. „Gerade wenn ich romantische Werke spiele, muss ich bestimmte Register weglassen“, verrät der Kantor.

Hinzu kommt, dass die elektropneumatische Steuerung durch magnetisch gesteuerte Ventile ergänzt wurde – die fallen blitzartig zu und erzeugen harte, abrupte Töne. Auch der Winddruck wurde heruntergeregelt und so fehlt den Pfeifen die Kraft für wirklich volltönende Musikdarbietungen.

Doch nicht nur der Klang, auch die baulichen Veränderungen haben sich als nachteilig erwiesen: Ursprünglich stand der Spieltisch auf der Empore und ermöglichte es dem Organisten, alle drei Orgelteile gleichmäßig zu hören. In der jetzigen Position links neben dem Altar ist das nicht mehr möglich.

Im Februar hatte die Kirchengemeinde schließlich die Initiative ergriffen und zahlreiche Fachleute zu einem Symposium eingeladen. Die Organisten und Orgelbauer waren sich einig: Eine Rückführung zum Originalzustand sollte und kann durchgeführt werden.

Etwa 60 bis 70 Prozent der alten Bauteile sind sogar erhalten geblieben und warten im Turm der Kirche auf einen neuen Einsatz. Dennoch wird die vollständige Restaurierung ein teures Unterfangen: Die Schätzungen belaufen sich auf mindestens 600.000 Euro.

So wurde die anstehende Grundreinigung samt dem Austausch von Verschließteilen, die auch erhebliche Kosten verursacht, nun vorläufig zurückgestellt. Verschiedene Orgelbauer sollen zunächst ihre Ideen präsentieren: „Das wird ein Projekt für die nächsten sechs bis zehn Jahre, deshalb wollen wir erst einmal alle Möglichkeiten überdenken und es dann ordentlich machen“, so Halubek.

In der Zwischenzeit hat sich der Verein schon mit Elan daran gemacht, Spenden zu sammeln. Unterstützung kommt von der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst: Mit Benefizkonzerten wollen sowohl Studierende wie auch Professoren ihr Scherflein beitragen.

So hat Prof. Jon Laukvik auch den Posten des Ersten OReP-Vorsitzenden übernommen. Er verweist auch auf die musikhistorische Bedeutung: „Eine restaurierte Gaisburger Orgel wäre in der Stuttgarter Orgellandschaft einzigartig und von überregionaler Bedeutung.“ Denn alle romantischen Orgeln, die es hier früher gab, sind entweder den Weltkriegen oder ihrem Alter oder einem Umbau zum Opfer gefallen.

Nähere Informationen zum Orgelrenovierungsprojekt gibt es telefonisch bei Jörg Halubek unter 285 93 77, im Pfarramt oder per E-Mail an j.halubek@web.de. Der Verein wurde inzwischen auch als gemeinnützig anerkannt – steuerlich absetzbare Spenden sind auf dem Konto 11 11 235 bei der Landesbank Baden-Württemberg (BLZ 600 501 01) jederzeit herzlich willkommen.

msb

siehe auch http://www.orep.de/