Rezensionen

2006/2007 J.S.Bach // Das Orgelwerk

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Württembergische Blätter für Kirchenmusik
Ausgabe I/2007

Bach gibt zu denken

Das gesamte Orgelwerk
mit Jörg Halubek in Stuttgart-Gaisburg

Als man noch zwei oder drei Blasebalgtreter brauchte, um auf einer großen Barockorgel Bachs C-Dur Toccata spielen zu können, werden Organisten noch haben aufzählen können, wie oft und wo und wann in ihrem Leben sie dieses Werk spielten. Bach selbst spielte oder hörte seine Orgelwerke sicher nicht so häufig, wie die meisten Bezirkskantoren heutzutage. Ein Knopfdruck und die Orgel ist spielbereit. Ein Griff ins CD-Regal und diese oder jene Interpretation lässt sich noch einmal abhören, um den eigenen Interpretationsansatz zu überprüfen. Wir Kirchenmusiker wachsen mit Bach auf. Und seine Musik ist uns vertraut wie die Muttersprache. Gibt Bach uns noch zu denken, dieser wohlvertraute Bach? Fühlen wir noch so schwingungsreich, wie er fühlte? Wird sein Werk nicht oft nur noch reproduziert, stilgerecht, wie man’s gelernt hat, vitrinengerecht, wie fürs Museum, doch ohne dass er recht in Spannung versetzte?

Jörg Halubek, der Leipziger Bachpreisträger des Jahres 2004, hat einen Weg gefunden, der Bachs Orgelwerk als ins Leben greifende Anrede zu Gehör bringt. Darüber ist zu berichten. Sein Ansatz, das gesamte Orgelwerk Bachs zu interpretieren, ist nachahmenswert.

An den Sonntagen vom 1. Advent 2006 bis zum Sonntag Lätare 2007 spielte Halubek Bachs Orgelwerk in der architektonisch beglückend stimmigen Jugendstilkirche zu Gaisburg in einer Folge von 14 Gottesdiensten, an die sich nach einer Pause, in der Gebäck und Getränke gereicht und im Dialog mit dem Interpreten Erläuterungen gegeben wurden, etwa einstündige Matineen anschlossen. Zur Verfügung steht in Gaisburg eine dreimanualige, in der Substanz spätromantische Orgel, die nach dem Zweiten Weltkrieg barockisiert wurde. Die drei Spielwerke sind im ovalen Kirchenraum zur linken und rechten Seite des Altars und rückwärtig auf die zweite Empore verteilt. Dies erbringt ein stereophones Klangbild. Die Durchhörbarkeit polyphoner Strukturen, beispielsweise beim Triospiel, ist vorzüglich, und bei den Concerti lässt sich barockes Klangregieraffinement durch Manualwechsel virtuos zur Geltung bringen.

Die Folge der Gottesdienste bestimmte Halubek thematisch nach Orgelchorälen. Er wählte dazu die Schüblerschen Choräle aus und die Choräle der sogenannten Orgelmesse. Den Anfang der Gottesdienstreihe bildete das Kyrie der Orgelmesse, den Beschluss das Gloria. Vom 2. Advent an folgten als Themenvorgabe für die Gottesdienste die Choräle Wachet auf, ruft uns die Stimme, Wo soll ich fliehen hin, Wer nur den lieben Gott lässt walten, Meine Seele erhebt den Herrn, Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ, Kommst Du nun Jesu vom Himmel herunter. Die Katechismuschoräle der Orgelmesse führten die Reihe weiter. Um diese themengebenden Choräle gruppierte Halubek jeweils vier weitere, auf das Thema abgestimmte oder liturgisch bedacht zugeordnete Orgelchoräle. Gemeindegesang schloss sich an.

Und das ganz Besondere: Die themengebenden Choräle waren Gegenstand von mit Bibelwortbezügen verbundenen Liedpredigten. Die sich ergebende gedankliche Rundung und Konzentration förderte die Empfänglichkeit und reflexive Aufmerksamkeit für den musikalischen wie religiösen Gehalt der Choräle. Der Eindruck stellte sich ein, dies helfe auch dem Interpreten der Orgelchoräle, den Aussagegehalt der Orgelchoräle „visionärer“ zu erfassen und rhetorisch umzusetzen. Ich erinnere mich nicht, den sprechenden Charakter dieser Choräle je so anrührend vernommen zu haben wie in Halubeks Interpretationen! Wie selten hört man doch diese Bachschen Klangpredigten im Gottesdienst! Viel zu selten!

Dass die Orgelchoräle als Klangpredigten zur Geltung kamen, war zu einem wesentlichen Teil auch den Liedpredigten zu danken. Sie führten aus der Nachdenklichkeit ins Klangerleben und aus dem Klangerleben in vertiefte Nachdenklichkeit.

So trug zum Beispiel Pfarrer Christoph Dolls Predigt über Joh 1,29-34 in Verbindung mit Georg Neumarks Choral Wer nur den lieben Gottes lässt walten dazu bei, den Bachschen Orgelchoral als christlichen Ausdruck der Lebenserfahrung „Glück gehabt!“ nachzuempfinden.

Kirchenrat Helmut Dopffels Besinnung über Wir gläuben all an einen Gott verhalf, auf die Symbolik des Bachschen Orgelchorals zu achten und die Nähe der Musik zur christlichen Botschaft zu bedenken: „Der Mensch lebt vom Hören. Der Glaube kommt aus dem Hören. Mit Musik aber hören wir mehr.“

Pfarrer Klaus Pantle, der Pfarrer der Gemeinde, bezog Klangbeispiele in seine mit dem Evangelienwort „Kommt, es ist alles bereit!“ (Lk 14.17) verbundene Auslegung des Chorals Jesus Christus, unser Heiland ein, um auf die Tonsymbolik des Bachschen Orgelchorals aufmerksam zu machen. Und er ließ Halubek Klangbeispiele vortragen, um in den glückseligkeitserfüllten, tänzerischen Schwung des Bachschen Gloria-Chorals Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’ einzuführen, auf den er in seiner Liedmeditation unter Bezug auf Psalm 150,6 „Alles, was Odem, hat, lobe den Herren, Hallelujah!“ zu sprechen kam.

Die Aufmerksamkeit der Hörergemeinde, die sich einstellte, war spürbar und von anderer Art als jene, auf die musikhistorische Belehrung aus ist.

Zur Reflexion der Liedgedanken trug bei, dass Halubek die Choräle im langsamen Tempo der Bachzeit singen ließ und sie mit jenen Choralsätzen Bachs begleitete, deren spannungsvolle Zwischenspiele die Atempausen überbrücken, die man sich damals gönnte, um schön geruhsam und pietistisch fromm Vers an Vers zu reihen. Eine Hörerfahrung, die für die langen Cantus-Firmus-Noten in den Bachschen Orgelchorälen neues Verständnis erbringt.

Eingeleitet und beendet wurden die Gottesdienste durch freie Orgelwerke, große Präludien, Toccaten und Fugen. Und natürlich auch diese abgestimmt auf das Gottesdienstthema. Das A-Dur Präludium mit Fuge zum Beispiel (BWV 536) in thematischem Bezug zu Wachet auf, ruft uns die Stimme und im Kontext von Gottes Sohn ist kommen und Herr Christ der einig Gottes Sohn sind in ihrem schwebenden Duktus geeignet, in adventliche Erwartung einzustimmen bzw. sie zu bekräftigen. Wissen wir – das große Es-Dur Präludium mit Fuge ausgenommen – nicht genau, welche gedanklichen Inhalte Bach mit seinen großen freien Orgelwerken verband, so wissen wir doch, dass sie ihm andächtige Musik waren, religiöse Reflexionen, die beredter klingen, wenn sie einem ihnen gemäßen Kontext zugeordnet werden.

Das gesamte Bachsche Orgelwerk lässt sich nicht auf 14 Gottesdienste verteilen und nicht alle Orgelwerke Bachs sind geistliche Musik. Was in den Gottesdiensten nicht eingebracht werden konnte, erklang in den Matineen, die gestaltet waren, als wäre man zu häuslichem Musizieren in die Familie Bach geladen und lernte den großen Meister als den trefflichen Lehrer kennen, der er war. Je zwei Orgelchoräle aus der Frühzeit (Neumeister-Choräle), aus dem Orgelbüchlein und aus der Leipziger Periode gaben Einblick in die Entwicklung des Bachschen Vermögens, gedankliche Gehalte tonsprachlich umzusetzen. Belehrend, doch nicht akademisch trocken. Eingegliedert waren die Orgelchoräle in eine Folge freier Orgelwerke, eines der kleinen Präludien und Fugen aus früher Zeit, eines der Concerti, eine der Triosonaten, Werke, an denen der angehende Organist sich übt oder Werke nur so um sich zu delektieren. Die wechselreiche Folge erhielt die Aufmerksamkeit. Keine erdrückende Gelehrsamkeit. Ein wohl bedachter Wechsel von gedanklicher Anforderung und reinstem Hörvergnügen. Hinreißend der Schwung der Concerti: Bach ein Virtuose! Gedanklich eine klare Linie führend: Schlicht hat er angefangen, der Meister, und zu welcher Fertigkeit hat er es gebracht!

Unakademisch kurzweilig der musikalische Teil der Matineen. Gedanklich beanspruchend deren Redebeiträge. Im Mittelpunkt der Matineen standen nämlich Reflexionen. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sprachen über ihre Erfahrungen mit Bach. Das eine Mal ein Musiker, das andere Mal ein Theatermann, dann ein Hochschullehrer, ein Theologe, eine Politikerin, Bürgermeisterin, ein Kulturmanager und andere mehr. Sogar Polizeipräsident Stumpf kam zu Wort. Und es war spannend zu verfolgen, was diese Persönlichkeiten zu ihrem Verhältnis zu Bach und ihrer Einschätzung seiner Bedeutung für das kulturelle Leben heute zu sagen hatten.

Ministerin a.D. Herta Däubler-Gmelin zum Beispiel sprach von dem Bach, mit dem sie aufgewachsen ist und von dem Bach, der heute weltweit kulturell adaptiert und transformiert wird. Polizeipräsident Stumpf von dem Bach, auf den man anders hört, wenn man mit jenen in unseren Städten zu tun bekommt, die im Elend leben: Aus tiefer Not schrei ich zu dir. Dagmar Munck-Sandner, die Redakteurin des SWR, von dem Bach der Ökumene.

Prälat Klumpp griff Bachs Randnotiz zu 2. Chr. 5 auf: „Bei einer andächtigen Musik ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart“ und man wurde angeregt darüber nachzudenken, was aus diesem Gedanken für die Interpretation zu folgern ist.

Michael Hofstetter, der Chefdirigent des Stuttgarter Kammerorchester und künstlerischer Leiter der Ludwigsburger Festspiele, interpretierte Bachs Kanon, den er auf sein Ölportrait zur Aufnahme in die Correspondierende Sozietät der Musikalischen Wissenschaft in Leipzig hatte malen lassen. Damit verwies er auf das, was ihn an Bach besonders staunen macht: Bachs Denken in musikalischen Beziehungsnetzwerken.

Carl Philipp von Maldeghem, der Intendant des Alten Schauspielhauses, sprach vom Apollinischen und Dionysischen, den Gegensätzen, die das Genie Bachs in seinem Werk spannungsvoll zu verbinden vermochte und brachte damit auf den Punkt, was Halubeks Bach-Interpretationen auszeichnet: Das sichere Formgefühl und das Vermögen, die Bachsche Affektsprache aus dem akustischen Augenblick heraus zu artikulieren.

Helmut Rilling führte seinen Gedankengang auf zwei Punkte zu, die ihn an Bach besonders beeindrucken : „Die stete Suche nach Qualität und dass er über das musikantisch Spielerische, Leichte hinausgeht, auf etwas anderes zeigt, nämlich auf das Soli Deo Gloria.“

Auf einen über das Musikalische ebenfalls hinausweisenden Aspekt – um es damit mit den Beispielen bewenden zu lassen – machte auch Albrecht Puhlmann, der Intendant der Staatsoper, in einer subtilen Reflexion aufmerksam, die an den Bach-Choral Kommst Du nun Jesu vom Himmel herunter anknüpfte: „Der Trost, den uns Bachs Musik gibt, ist deshalb ohne Kitsch und Lüge, weil er sich vor allem in musikalischer Hinsicht unbequem äußert ... Das Hören und die Beschäftigung mit Bachs Musik mag auch beschwerliche Arbeit und eine ausnehmende Mühe sein und uns manchmal vom Erhabenen ins Dunkle führen – Bachs Musik aber ist immer wahr, sie ist wahr, weil sie das Bedürfnis hat, Leiden beredt werden zu lassen.“

Die vielfältigen Gedanken zu Bach aber hätten nicht mitzuteilen vermocht, was sie mitteilen wollten, wären sie nicht durch die Interpretationen Halubeks beglaubigt worden. Halubeks Bachspiel bringt die neuen Einsichten in die Rhetorik der Bachschen Musik so selbstverständlich zur Geltung, als spreche er seine eigene Sprache. Er wagt Identifikation. Nichts wirkt dabei aufgesetzt, übertrieben, angelernt. Feinfühlig, affektiv äußerst schwingungsreich, nie überzogen pathetisch, formbewusst und klar in der Entfaltung der Strukturen, versteht Halubek Bach so beredt zu gestalten, dass Altbekanntes wieder neu anspricht und bewegt.

Halubek und seinen Helfern – hervorgehoben sei Steffen Benz, der geschickte Moderator – ist für eine Reihe zu danken, die wenn nicht im Ganzen, so doch in Einzelnem Kirchenmusiker anregen sollte, ähnlich zu verfahren. Bachs Orgelmusik gab zu denken.

Paul Erdmann



Stuttgarter Zeitung – 10. März 2007

Den Sonntag mit Bach beginnen

Ein ambitioniertes Projekt haben sich Organist und Pfarrer der Gaisburger Kirche erdacht, als sie beschlossen, das gesamte bachsche Orgelwerk aufzuführen. Begleitet werden die sonntäglichen Matineen von den Reflexionen bekannter Persönlichkeiten aus Politik und Kultur.

Bachs Werk in seiner Gesamtheit aufzuführen ist der Traum eines jeden Organisten. Ein Traum, den sich der junge Organist der Gaisburger Kirche, Jörg Halubek, schon früh hat erfüllen können. Zusammen mit Klaus Pantle, dem Pfarrer der Gemeinde im Stuttgarter Osten, hat er das ambitionierte Projekt erdacht, das gesamte bachsche Orgelwerk in einem 14-wöchigen Konzertzyklus aufzuführen. „Eine Gesamtaufführung ist sehr selten“, erklärt Halubek, der 2004 den renommierten Leipziger Bachpreis gewonnen hat. „In Deutschland gab es dies meines Wissens das letzte Mal während des Bachjahres 2001.“

Den würdigen Rahmen des Programms, das am ersten Advent 2006 begann, bietet die 1913 erbaute neoklassizistische Kirche, die malerisch auf einem Vorsprung über dem Neckar liegt und einen schönen Blick auf Gaisburg bietet. Das Besondere an der Reihe, die am 18. März zu Ende geht, besteht auch darin, dass sie, anders als sonst üblich, das bachsche Werk in dem Kontext belässt, für den es geschaffen wurde – dem Gottesdienst. „Ein Großteil seiner Musik hat Bach zur Begleitung der Gemeinde geschrieben“, sagt Pantle. „Es ist interessant, diese Werke ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückzuführen.“ Für die Gemeinde war das allerdings zu Anfang nicht einfach, da die Choräle früher viel langsamer gesungen wurden, als man das heute gewohnt ist. Doch der getragene Gesang, hat Pantle bemerkt, erlaubt vielen, Abstand zur Hektik des Alltags zu finden.

Die Aufführung am Sonntagmorgen gliedert sich in drei Teile. In dem morgendlichen Gottesdienst überwiegt der religiöse, bei der anschließenden Matinee hingegen der weltliche Aspekt. Dazwischen gibt es die Möglichkeit, sich zu stärken und miteinander ins Gespräch zu kommen. Musikalisch eingefasst wird das Programm von Präludium und Fuge, sonst folgt das Programm keiner chronologischen Abfolge. „Wir haben bewusst frühere und spätere Stücke gemischt, da dies fürs Publikum interessanter ist“, erklärt Halubek. Jede Woche steht unter einer anderen Überschrift, die sich aus dem Choralvorspiel ableitet und das Thema der Predigt bestimmt.

Zu den Matineen hat Pfarrer Pantle Personen aus Politik und Kultur gebeten, über Bachs Bedeutung für die Gegenwart zu reflektieren. „Unsere Idee war es, Referenten aus musikfernen Bereichen einzuladen“, erklärt Pantle. So haben neben ausgewiesenen Bachkennern wie dem Gründer der Bachakademie, Helmuth Rilling, dem Dirigent Michael Hofstetter oder dem Intendant der Staatsoper, Albrecht Puhlmann, auch Personen wie der frühere Oberbürgermeister Manfred Rommel, der Professor für Sprechkunst Thomas Kopfermann oder der Polizeipräsident Siegfried Stumpf über ihre Beziehung zu Bach gesprochen. Kopfermann habe zu seiner Überraschung, erzählt Pantle, eine äußerst kirchenkritische Reflexion gehalten, da er überzeugter Atheist ist. Doch frei nach dem Prinzip „an Gott zweifeln, an Bach glauben“, sei auch dies willkommen.

Der Konzertzyklus ist mittlerweile weit über die Gemeinde hinaus bekannt. Viele Besucher kommen aus dem Umland, manche schon für den Gottesdienst, andere erst zur Matinee. Viele sind jede Woche dabei und bleiben die gesamten vier Stunden. Damit ist es dem Bachzyklus gelungen, wieder mehr Menschen in die am Stadtrand etwas isoliert gelegene Kirche zu locken. „Wir sind eine sehr kleine Gemeinde“, erklärt Pantle. „Die Kirche war schon zur Zeit ihrer Erbauung zu groß. Wir haben daher immer versucht, sie kulturell zu nutzen.“ Auch in Zukunft sind anspruchsvolle Musikprojekte geplant. Für den Sommer besteht die Idee, sich auf die Spuren von Bachs Reisen zu begeben. Zuerst jedoch gibt es noch zwei Gottesdienstmatineen. Am Sonntag spricht Carl Philip von Maldeghem, der Intendant des Alten Schauspielhauses. Der Eintritt ist wie immer frei.

Ulrich von Schwerin



Esslinger Zeitung – 9. Januar 2007

Nähe und Ferne

Jörg Halubeks Bach-Zyklus
in der Kirche Stuttgart-Gaisburg

Stuttgart – Die Kirche in Stuttgart-Gaisburg besitzt mit ihrer Weigle-Orgel aus dem Jahr 1913 ein einzigartiges Instrument, dessen ursprünglich spätromantische Disposition in einer aufwändigen Restauration wieder hergestellt werden soll. Spielbar ist die Orgel aber auch zum jetzigen Zeitpunkt. Jörg Halubek, Leipziger Bachpreisträger des Jahres 2004 und derzeit Kirchenmusiker an der Gaisburger Kirche, hat sich im Advent aufgemacht, in 14 Gottesdiensten und anschließenden Matinée-Konzerten auf diesem Instrument bis Mitte März Johann Sebastian Bachs gesamtes Orgelwerk zur Aufführung zu bringen. In jede der Matinéen werden zudem Persönlichkeiten eingeladen, die ihr Verhältnis zu Bach und seiner Musik bekunden. Darunter befinden sich Nichtmusiker wie Musiker und Persönlichkeiten so unterschiedlicher Profession wie der ehemalige Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel, die SWR-Redakteurin Dagmar Munck-Sandner, der Polizeipräsident Siegfried Stumpf und die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin. Am ersten Sonntag nach dem Erscheinungsfest war der Zyklus angelangt bei Orgelwerken wie der dritten Triosonate (d-Moll BWV 527), der Pastorale F-Dur BWV 590 und der Fantasie h-Moll BWV 563 sowie einigen Choralbearbeitungen aus den Sammlungen der Neumeister-Choräle und des Orgelbüchleins. Als Gast bekannte Helmuth Rilling seine Liebe zu und seinen Respekt vor Bach.

Vitaler Gestus

Jörg Halubek will der Bachschen Orgelmusik nicht unbedingt ein barockes Klangbild geben. Den Anfangsteil der Pastorale hielt er im Volumen ausgesprochen füllig und kontrastierte dies mit zartesten Flötenregistern die – in sich selbst noch weiter abgestuft – räumliche Nähe und Ferne suggerierten. Das hatte schon rein klanglich etwas für sich, gewann aber an Überzeugungskraft auch dadurch, dass Halubek – hierin wiederum historisch informiert – den melodischen Phrasen ein gleichsam sprechendes Profil gab. Dem Schlussteil der Pastorale verlieh Halubek einen vitalen Gestus, ebenso der lebendig aufgefächerten und kantig herausgearbeiteten, dennoch erstaunlich organisch verwobenen Kontrapunktik der Fuge D-Dur BWV 580.

Artikulatorisch pointiert und sehr agil ging Halubek an die Außensätze der d-Moll-Triosonate heran, denen er in weich fließender, milder Farbgebung den Adagio-Binnensatz gegenüberstellte. Die Orgelchoräle, darunter noch eine Vielzahl aus dem weihnachtlichen Umfeld, erhielten im Klangbild und seiner Durchhörbarkeit eine angemessene Plastizität. Warum aber Bachs Bearbeitungen des Chorals "Das alte Jahr vergangen ist" (BWV 1091 aus der Neumeister-Sammlung und BWV 614 aus dem Orgelbüchlein) die Anmutung von melancholisch verhangener Begräbnismusik erhielten, und warum der Orgelbüchlein-Choral "In dulci jubilo" BWV 608 tonlich kaum fassbar wie von ganz ferne hereinwehte, erschloss sich nicht so recht.

Sebastian Quint



Stuttgarter Zeitung – 2. Dezember 2006

Alles im Blick –
Bach total in Gaisburg

Moment, Bitte

Am Sonntag beginnt in der Gaisburger Kirche eine neue Musikreihe. Bis Anfang März wird in Gottesdiensten und anschließenden Matineen Bachs gesamtes Orgelschaffen aufgeführt.

Jörg Halubek, was reizt Sie als verantwortlichen Organisten an solchen Gesamtaufführungen?
Zunächst einmal bin ich mit Johann Sebastian Bach aufgewachsen. Seine Werke spielt man ab der ersten Orgelstunde. Dadurch ist eine gewisse Verbundenheit gegeben. Sich jetzt rund vier Monate Zeit zu nehmen, bietet eine große Chance. Man lernt viele frühe und auch kostbare Werke neu kennen und verändert dadurch den eigenen Blick auf die bekannten Großwerke.

Was ist das Besondere an dem Projekt?
Wir machen ein Experiment, indem wir die Werke aufteilen und manche im Konzert und manche im Gottesdienst musizieren werden. Die Choralvorspiele etwa erklingen im Gottesdienst mit den dazugehörigen Improvisationen. Das gibt dem Ganzen etwas Authentisches. Daneben verknüpfen wir die Gesamtaufführung mit modernen Reflektionen. Vierzehn Prominente werden in den Sonntagsmatineen über die Bedeutung von Bachs Musik in unserer Zeit referieren.

Sie spielen alle Werke selbst, ist das nicht ein riesiger Berg Arbeit?
Siebzig Prozent der Werke hat man ohnehin in den Fingern, weil sie Standardrepertoire sind und man sie als Organist eigentlich immer wieder spielt. In der Tat muss man manche Werke neu lernen, aber das ist genau der Reiz, weil davon auch eine Wirkung auf die bekannten Werke ausgeht, man die eigene Interpretation überdenkt, man Neues entdeckt. Diese Kombination aus frühen und späten Werken Bachs setzt sich auch in den Konzertprogrammen fort und bildet den eigentlichen Übungsanreiz für den Musiker.

Hat ein derart ambitioniertes Projekt auch einen Bildungsanspruch für das Publikum, die Kirchengemeinde?
Die Gemeinde hier ist klein, wir haben gerade einmal 1500 Gemeindemitglieder. Entsprechend schlecht ist unsere finanzielle Ausstattung. Natürlich ist es eine zentrale Aufgabe, auch unter solchen Bedingungen Kultur zu machen, den Stellenwert der Musik zu betonen, einen qualitativen Standard zu sichern.

dip



Stuttgarter Nachrichten, 1. Dezember 2006

Jörg Halubek beginnt an diesem Sonntag in der Gaisburger Kirche mit der Gesamtaufführung von Bachs Orgelwerk

Geistliche Werte mit weltlichem Ausblick

Zwanzig Stunden Orgelmusik, Bachs Gesamtwerk an 14 Vormittagen: Wer dies in Angriff nimmt, braucht nicht nur viel Zeit zum Üben und großes handwerkliches Können, sondern auch viel Selbstbewusstsein.

Jörg Halubek, gerade 29 geworden, hat alles. „Jeder Organist“, behauptet er, „muss sich dem Gesamtwerk Bachs einmal in seinem Leben stellen - und für das Unbekannte muss man sich bei einem solche Projekt auch endlich einmal Zeit nehmen.“
So geht also die Bach-Konzertreihe des Stuttgarter Organisten, den der Gewinn des renommierten Leipziger Bach-Wettbewerbs schlagartig bekannt machte, an diesem Sonntag in der Gaisburger Kirche in seine erste Runde; die letzte wird nach dreieinhalb Monaten am 18. März 2007 sein.
Dabei liegt die Besonderheit des Zyklus nicht nur in der Person des Organisten, der in Karlsruhe Orgel und in Stuttgart Cembalo unterrichtet und als Musiker mit „einer kleinen C-Stelle“ an Stuttgarts einzig erhaltener spätromantischer Orgel die Gaisburger Sonntagsgottesdienste musikalisch begleitet.
Nein, außergewöhnlich ist die Reihe auch dadurch, dass in Halubeks Zyklus auf die Gottesdienste, in denen vor allem Bachs liturgisch gebundene Musik zu hören ist, nach kurzer Pause immer um 11.30 Uhr Matineen folgen, in denen bekannte Persönlichkeiten des Stuttgarter Kulturlebens die gespielte Musik in kurzen Vorträgen, „Reflexionen“, spiegeln. Unter jenen, die da öffentlich nachdenken, ist Staatsopernintendant Albrecht Puhlmann ebenso wie die Dirigenten Helmuth Rilling und Michael Hofstetter, Stuttgarts Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann und Polizeipräsident Siegfried Stumpf. Sie alle sollen nicht nur dem musikalischen Unternehmen Glanz verleihen, sondern vor allem für einen Bezug zur Gegenwart sorgen. Dieser freilich gilt, so Halubek, nicht nur Bachs Musik allein, sondern auch der „Kirche, die mit ihrer Botschaft und mit ihrem reichen Kulturerbe heute oft so banal umgeht und vielfach nur noch eine kleine Restklientel bedient“.
Die Gottesdienste mit Hilfe des „höchsten kulturellen Erbes der Kirchenmusik“ erst mit geistlichen Inhalten und anschließend mit weltlichen Perspektiven zu füllen, wäre für Jörg Halubek „ein Traum“. Ein bisschen lebt er diesen zurzeit an der Stuttgarter Staatsoper aus, wo er beim „Actus tragicus“ Cembalo spielt.
Drei Monate Zeit hat sich Halubek genommen, um sich gerade der vielen kleineren Stücke anzunehmen, die im Gottesdienst nie zu hören sind. Dabei hat er „vor allem in den Frühwerken oft kontrapunktisch haarsträubende Dinge“ entdeckt.
Zwar ist er in der Alten Musik zu Hause, doch den Geist der Spätromantik liebt er ebenfalls - vor allem dort, wo er in alten Aufnahmen in unsere Zeit herüberweht. „Ich bin ein eher emotionaler Spieler“, betont überraschend deutlich der Schüler der Basler Schola Cantorum. Dort wird ganz anderes gelehrt. Wie beruhigend: Nicht nur bei Bach, sondern auch bei seinen Interpreten gibt es Rätsel und Unaufgelöstes.

Susanne Benda



Stuttgarter Wochenblatt, 30. November 2006

»Bach ist das A und O«

Mammut-Programm der Kirche Gaisburg vom ersten Advent ab in 14 Gottesdiensten und Matineen

Johann Sebastian Bachs gesamtes Orgelwerk wird in Gaisburg zu Gehör gebracht. Schirmherrin der Veranstaltungsreihe ist Bürgermeisterin Dr. Susanne Eisenmann. Neben der Bürgermeisterin werden dreizehn weitere prominente Gäste über ihre Beziehung zur Kirche und zur Bachschen Musik sprechen.

GAISBURG – Der Organist und Kantor der Gaisburger Kirche, Jörg Halubek, ist ein Könner auf dem Gebiet der Bach-Musik. Vor zwei Jahren erhielt er den J.-S.-Bach-Preis, eine der prominentesten internationalen Auszeichnungen für Interpretationen von Bach-Werken. Auf den Wettbewerbserfolg des Organisten und Cembalisten in Leipzig folgten Einladungen zu internationalen Musikfestivals wie die Ludwigsburger Schlossfestspiele oder auch das Europäische Musikfest Stuttgart. Die Idee des 28-Jährigen, Bachs gesamtes Orgelwerk in der Gaisburger Kirche zu spielen, stieß bei Susanne Eisenmann, Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport, auf große Zustimmung. „Ich war sofort fasziniert von dem anspruchsvollen und ehrgeizigen Unternehmen“, meinte die Bürgermeisterin auf einer Pressekonferenz im Rathaus. Sie ist ebenso begeistert von der Idee, die „schöne Gaisburger Kirche“ als Ort zu wählen. „Gerade in Stuttgart mit Helmuth Rillings Internationaler Bachakademie haben wir einen hervorragenden Anknüpfungspunkt für diese Reihe“, meinte Dr. Susanne Eisenmann, die nicht lange überlegen musste, um die Schirmherrschaft für den Gaisburger Zyklus zu übernehmen. Jörg Halubek möchte mit seiner Bach-Musik auch dazu beitragen, das Gaisburger Kirchenschiff zu füllen. „Die Kirche hält mit ihrem kulturellen Erbe etwas zu sehr hinterm Berg“, meint der junge Kantor. Die Gaisburger Mammutveranstaltung versucht zunächst die Musik in ihrem Kontext zu belassen – in einem Gottesdienst. […] Ein Teil der Bach’schen Orgelwerke werden den Gemeindegesang begleiten. In der anschließenden Matinee wird Jörg Halubek die für diesen Tag ausgewählten Präludien und Fugen sowie weitere Choralbearbeitungen von Johann Sebastian Bach spielen.
Jeder der 14 Sonntage trägt eine Choralbearbeitung als Titel, am ersten Advent, der Auftaktveranstaltung, ist es das „Kyrie“. Bis zum 18. März ist die Gaisburger Kirche voll und ganz den Werken Bachs verschrieben. „Selbst Choralvorspiele wie „Wachet auf ruft uns die Stimme“ erklingen heute als Werbe- oder Kaufhausmusik […]
Für eine historisch kritische Aufführung und Auseinandersetzung ist der liturgische Kontext obligatorisch“, meint Jörg Halubek.
Zusätzlich zum musikalischen Programm werden 14 prominente Persönlichkeiten, darunter Prof. Helmuth Rilling, Albrecht Puhlmann, Intendant der Stuttgarter Staatsoper, oder auch Polizeipräsident Siegfried Stumpf über ihre Beziehung zur Kirche und zur Bach’schen Musik sprechen.
„Ich habe versucht, aus möglichst verschiedenen Bereichen Leute zu finden, um möglichst unterschiedliche Reflektionen zu bekommen“, meint der Gaisburger Kantor und Organist zur Auswahl der Gäste.
Das Stuttgarter Wochenblatt wird die Konzerte in der Gaisburger Kirche jeweils im Terminkalender vorankündigen.

max